Prof. Dr. Andrea Lanfranchi
Andrea Lanfranchi, geb. 1957, Dr. phil., Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie FSP und Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, aus Poschiavo/Graubünden.
Früher Schulpsychologe beim Schulärztlichen-Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich, dann Dozent und Supervisor an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich, später Leiter der Fachstelle Interkulturelle Pädagogik in der Lehrerbildung des Kantons Zürich und heute Dozent bei der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich.
Forschungstätigkeit beim Nationalfonds-NFP 39 (Leitung der Studie „Schulerfolg von Immigrantenkindern: Effekte transitorischer Räume“). Mitarbeiter des Ausbildungsinstituts für systemische Therapie und Beratung in Meilen. Mitglied der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen.
Referat
Krisen und Krisenbewältigung bei Familien im Wandel
Krisenbewältigung und somit Wandel sind nur nach dem Zusammenbruch des alten Systems möglich, das heisst in einer Situation, in der Chaos zugelassen wird. Nach Jürgen Kriz wird Chaos als ein Zustand bezeichnet, in dem „die alten Strukturen zumindest zu einem beträchtlichen Teil aufgelöst sind, das Neue meist bestenfalls vage in Sicht ist“ (1997, S. 57).
Wie viel Wandel brauchen Familien und ganz speziell eingewanderte Familien, um sich „hinreichend gut“ zu entwickeln, und wie viel Beständigkeit ist nötig? Wie viel Flexibiliät müssen sie in der beschleunigten gesellschaftlichen Dynamik aufbringen, und wie viel Stabilität müssen sie garantieren? Wie gross muss der innere Zusammenhalt sein, und wie breit die Öffnung und Anpassung nach Aussen?
Aus unseren Beratungserfahrungen wissen wir: Eingeschränktes oder gar fehlendes Wandel – also Blockade – ist oft ein Kennzeichen von Individuen, Paaren oder Familien, die aus dem Sumpf einer schweren Krise keinen Ausweg finden, zum Beispiel im Falle eines gescheiterten Migrationsprojekts. Sie sind nicht mehr dort und noch nicht hier, eingefroren in Denk- und Handlungsmodelle, die zur Lösung der anstehenden Probleme kaum nützlich sind. Ein „Auftauen“ und somit Entwicklung ist eher dann möglich, wenn belastende, aber auch ressourcenreiche familienbiographische Elemente identifiziert und verstanden werden. So kann Zukunft entstehen.
Im Referat und in einer Fallvignette frage ich nach dem Sinn des Suchens nach verlorenen Geschichten. Welche Wege stehen uns dabei offen? Im Wesentlichen geht es um Methoden der Fallrekonstruktion anhand der Genogrammarbeit. Es geht aber auch um die Umdeutung von auffälligem Verhalten oder Symptomen als Vorboten von Wandel, also als Signal, dass Übergänge in neue Lebensphasen oder Kompetenzbereiche anstehen. Das ist für die Praxis weit hilfreicher als pathologisierende und/oder kulturalisierende Etikettierungen.
Workshop 1
Kulturschock der Professionellen bei Krisensituationen:
Gefragt ist Kompetenz und nicht Kulturalisierung – aber wie?
Ausgehend von Überraschungssituationen in der Arbeit mit Migranten diskutieren wir zunächst einmal das Malaise in Settings der Therapie und Beratung, wo wir mit unseren erlernten Methoden nicht weiterkommen. Es ist eine Art „Kulturschock“ der Professionellen bei schwierigen Fällen mit komplexen Auftragslagen. Das unangenehme Gefühl des bevorstehenden Misserfolgs kann bei Beraterinnen und Therapeuten zu Abwehrhaltungen wie Projektionen und Rationalisierungen führen.
Die Problemtrance können wir evtl. dann überwinden, wenn es uns gelingt, dank „Fallverstehen in der Begegnung“ (Meilener-Konzept) in die Einzigartigkeit des einzelnen Falles einzutauchen. Dazu eignen sich narrative Verfahren der Fallrekonstruktion, unter anderem nach der Methode der migrationssensiblen Fragen und der Genogrammarbeit. Ziel ist das, was die Schriftstellerin Barbara Frischmuth so schön formuliert hat: „Was tun mit einer Vergangenheit, die sich nicht abschütteln lässt, und wie lässt sie sich in Zukunft verwandeln?“ Wie aus Familiengeschichten Zukunft entstehen kann (siehe das entsprechende Buch von Rosmarie Welter-Enderlin) üben wir anhand von Fallbeispielen des Workshop-Leiters sowie von Erfahrungen und Impulsen der Teilnehmenden.
Workshop 2
Krisen bei Kindern und Jugendlichen am Beispiel der Schulverweigerung
– Präsenz und gewaltfreier Widerstand nach dem Ansatz von Haim Omer
Viele Störungsbilder in Familie und Schule weisen auf problematische Interaktionsmuster zwischen dem Kind/Jugendlichen und seiner Umwelt hin, welche einer Lösung der Störung im Wege stehen oder das problematische Verhalten noch verstärken. Anhand von Fallbeispielen zum Thema Schulverweigerung möchten wir sinnvolle und weniger sinnvolle Reaktionen betroffener Familien aufzeigen.
Umsetzbare Handlungsanleitungen erhalten wir vom israelischen Psychologen Haim Omer. Er hat einen wirksamen Ansatz für die Arbeit mit Eltern entwickelt, die von ihren Kindern tyrannisiert werden. Auch Lehrpersonen erleben nicht selten schwierige Situationen, in denen sie sich gegenüber dem problematischen Verhalten einzelner Schüler oder sogar ganzer Klassen hilflos oder ohnmächtig fühlen. Manchmal „drohen“ Schüler ihren Eltern oder der Lehrerin mit Gewalt, Schulverweigerung oder sogar Selbstmord. Das Konzept der Präsenz sieht diese Kinder nicht als psychisch krank, sondern als Individuen mit Fehlverhalten, das erzieherisch-pädagogisches Handeln (statt Predigten!) verlangt. Die Eltern leisten Widerstand gegen die Störungen, nicht gegen das Kind, und zwar ohne physische und ohne psychische Gewalt – zum Beispiel mit den Techniken der Deeskalation. In manchen Fällen kann es aber durchaus sein, dass Erziehung nicht mehr greift und Therapie (manchmal sogar stationäre) notwendig wird. Auch in diesen schwierigen Situationen von „verrückten“ Kindern und Jugendlichen muss Erziehung weiter eine Rolle spielen – nach dem Motto: „Feeling bad is no reason for bad behavior“ (Jay Haley).
Anschrift:
Andrea Lanfranchi
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie FSP
Praxis: Franklinstrasse 21 - 8050 Zürich
(Oerlikon, mit Dr. med. Dominique Simon)
Tel. 079 564 89 30
E-mail: andrea.lanfranchi@psychologie.ch